Workshop Zeitpsychologie/Zeitphilosophie

J. Flender, 18.5.2002, Frankfurt/M.

"Zeit" gilt weithin als eine "objektive" Grundkategorie, die vor aller Wahrnehmung durch den Menschen "besteht". Wie selbstverständlich denken wir in "Zeit"-Einheiten; "Zeit" ist ein mächtiger Faktor, an dem wir unseren Alltag häufig bis ins Kleinste ausrichten und der unsere Weltwahrnehmung zumeist unhinterfragt strukturiert. Im Workshop geht es darum, geläufige Grundannahmen über "Zeit" in Frage zu stellen, den konstruktiven Prozess der Zeitbestimmung kennenzulernen und damit letztlich für eine aktive Zeit-Konstruktion sensibel zu werden. Grundlage und Ausgangspunkt dafür ist Norbert Elias' Buch "Über die Zeit". Elias analysiert darin unter anderem die verbreitete Annahme, wonach "Zeit" als etwas (physikalisch oder a priori) Gegebenes existiert, und dass wir diese "Zeit" auf irgendeine Weise bestimmen, beispielsweise durch Uhren. Aber was misst eine Uhr? Gibt es "Zeit" ohne "Zeitbestimmung"? Und was genau heißt "Zeit bestimmen"? Am Beispiel der Uhr zeigt Elias, dass das Bestimmen von Zeit (das "Zeiten") eine in höchstem Maße kulturell geprägte Angelegenheit ist, die sich - wie Beispiele aus älteren Kulturen zeigen - erst herausgebildet hat, als die zunehmende Arbeitsteilung eine gemeinsame Koordination von Handlungen und damit zusammenhängend ein Hinausgehen über die unmittelbare "Gegenwart" erforderte; das uns vertraute Wahrnehmungsschema "Vergangenheit" - "Gegenwart" - "Zukunft" (und erst recht das Denken in Einheiten von Kalendern und Uhren) stellt also phylogenetisch (und auch ontogenetisch) erst das Resultat einer sozial-kulturell geprägten Entwicklung dar. Spannend und relevant für die Alltagswahrnehmung wird diese Auffassung, wenn man sich den Vorgang des "Zeitens" noch genauer klar macht. Kognitionspsychologisch gesprochen bewegen wir uns immer nur im "Zeitfenster" der "psychischen Präsenzzeit"; sowohl im Falle zurückliegender Ereignisse ("Vergangenheit") wie auch erwarteter Ereignisse ("Zukunft") handelt es sich um Konstruktionen innerhalb dieses Zeitfensters: "Vergangenheit" ist nur als Erinnerung, "Zukunft" nur als Vorwegnahme "real" - eine Erkenntnis, die bereits Augustinus in seinen "Bekenntnissen" formuliert hat. Meditation bzw. Kontemplation basiert auf der Annahme, dass die Aktivitäten des Bewusstseins (und damit auch die zeitbezogenen Konstruktionsprozesse) von uns (metakognitiv) wahrgenommen, beeinflusst und auch gelassen werden können. Was, wenn dabei das permanente Konstruieren für einen Moment (oder für viele Momente "in Folge") zur Ruhe käme? Und was hieße "in Folge"? Und was wäre der "Moment"?

Lektüregrundlage: Norbert Elias, "Über die Zeit" (1988). Suhrkamp, Frankfurt (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 756).